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Stressszenarien und Aggregation

Stressszenarien und Aggregation

Stressszenarien werden für jede Anlageklasse (Liquidationsgruppe) angelegt, indem relevante Risikofaktoren in den entsprechenden Märkten ausgelenkt werden. Die Verschiebung hängt ab von der angenommenen Halteperiode für die entsprechende Liquidationsgruppe. Da verschiedene Liquidationsgruppen unterschiedliche Risikocharakteristika besitzen, ist die Halteperiode in den Stresstests konsistent mit unserem Default Management-Prozess für die entsprechende Liquidationsgruppe gewählt.

Die Stressszenarien, welche zur Bestimmung der Größe des Ausfallfonds genutzt werden, sind so kalibriert, dass sie als extrem aber plausibel angesehen werden können. Zusätzliche Szenarien, welche nur zu Analysezwecken dienen, können extremer und potenziell nicht plausibel sein. Aufgrund der verschiedenen Konstellationen von Portfolien der Clearing-Mitglieder, können manche Portfolien durch ein spezielles Szenario mehr oder weniger beeinflusst werden.

Daher existieren verschiedene Typen von Stressszenarien (historische und hypothetische), um das Risikopotenzial für alle Clearing-Mitglieder unter gestressten Marktbedingungen aufzuzeigen.

 

Historische Szenarien

Historische Szenarien decken extreme und allgemein bekannte Marktereignisse ab. Sie werden mit ihrer tatsächlichen Höhe über die angenommene Halteperiode für die entsprechenden Instrumente oder Wertpapiere über alle Anlageklassen, Produkte und Risikofaktoren berücksichtigt.

Historische Szenarien werden regelmäßig mit quantitativen und qualitativen Analysen und unter Berücksichtigung der Materialität der geclearten Produkte überprüft. Die Auslenkungen, die für diese Szenarien verwendet werden, stellen die extremsten relativen Renditen dar, welche um das entsprechende Datum über die Halteperiode eingetreten sind. Historische Szenarien enthalten zum Beispiel die folgenden Ereignisse:

  • 1987 Black Monday
  • 1989 DAX® Move
  • 2001 Twin Towers Attack
  • 2001 Capital Market Move
  • 2003 US Housing Bubble
  • 2008 Lehman Default
  • 2008 Global Financial Crisis
  • 2010 Flash Crash
  • 2011 Fukushima Meltdown
  • 2011 US Down Grade
  • 2011 SNB Intervention
  • 2012 EZB IR Event
  • 2013 Cyprus Financial Crisis
  • 2016 Brexit Referendum

Hypothetische Szenarien

Hypothetische Szenarien sind so gestaltet, dass sie die größten Bewegungen von Risikofaktoren mit einem Konfidenzniveau von 99,9 Prozent beinhalten. Diese vorausschauenden Szenarien simulieren extreme Bewegungen von Risikofaktoren durch die Kombination ausgewählter Konstellationen von Auf- und Abwärtsbewegungen über alle Anlageklassen hinweg. Allerdings bleiben diese Szenarien aufgrund der Einhaltung von konsistenten Bewegungen der Risikofaktoren innerhalb jeder Anlageklasse plausibel. Zum Beispiel ist das Simulieren eines Abschwungs von allen Einzelaktien und eines gleichzeitigen Aufschwungs von Aktienindizes nicht als ein plausibles Ereignis anzusehen.

Es existieren zwei verschiedene Typen von hypothetischen Szenarien, die durch die Methodik der Verschiebung unterschieden werden können:

  • Relative Auslenkungen bewegen die entsprechenden Risikofaktoren mit einem definierten relativen Wert, z.B. 15 Prozent. Dies ist analog zu dem Vorgehen für die historischen Szenarien und ist unabhängig von der aktuellen Marktsituation.
  • σ-multiplizierte Auslenkungen bewegen die zugehörigen Risikofaktoren mit einem relativen Wert, welcher abhängig von der aktuellen Volatilität der Risikofaktoren ist. Dieser Ansatz berücksichtigt die aktuelle Marktsituation, sodass Verschiebungen ansteigen, wenn die aktuelle Volatilität zunimmt.

Absolute Verschiebungen werden ebenfalls für Zinsprodukte genutzt, um ein Niedrigzinsumfeld abzudecken.

Korrelations-Stressszenarien sind spezielle hypothetische Szenarien, die zusätzliche Brüche von Korrelationen zwischen einzelnen Risikofaktoren annehmen. Stressszenarien, die auf Anlageklassen-Ebene entwickelt wurden, implizieren einen hohen linearen Zusammenhang zwischen Risikofaktoren, wenn diese in die gleiche Richtung und in der gleichen Größenordnung verschoben werden. Durch Lockerung der Annahme paralleler Veränderungen – der Richtung und/oder Größenordnung – werden zusätzliche hypothetische Szenarien eingeführt, die Brüche von Korrelationen annehmen.

Um wesentliche Korrelationszusammenbrüche über alle Risikofaktoren mit einer handhabbaren Anzahl von Szenarien abzudecken, wird die Dimension aller Risikofaktoren reduziert durch:

  1. Zusammenführen von Stresswerten über Anlageklassen: Zuerst werden für jedes Mitgliedsportfolio die zugehörigen Risikofaktoren separat behandelt und individuell nach unten und oben verschoben. Danach werden innerhalb jedes Portfolios die jeweils schlechtesten Ergebnisse aggregiert. Dieser Prozess erzeugt konservative Resultate für jedes Portfolio, da historische Korrelationen zwischen unterschiedlichen Anlageklassen absichtlich nicht berücksichtigt werden.
  2. Identifikation wesentlicher Produkte innerhalb von Anlageklassen: Korrelations-Stressszenarien innerhalb einer Anlageklasse werden gegenläufig zur allgemeinen Marktbewegungen durch Auslenkung wesentlicher Produkte definiert. Hierbei werden wesentliche Produkte identifiziert durch den Anteil von offenen Positionen innerhalb der Anlageklasse. Spreads, Twists und Butterflies können angemessene Bewegungen von Risikofaktoren für die Laufzeitstrukturen oder implizite Volatilitäten abbilden.

Globale Szenarien haben das Ziel, die Informationen von einer großen Anzahl von zukunftsorientierten hypothetischen Szenarien für spezifische Anlageklassen zu einer kleinen Anzahl von prägnanten Szenarien zu komprimieren. Daher können diese Szenarien auch als „ökonomische Szenarien“ interpretiert werden.
Die Menge von globalen Szenarien wird bestimmt durch das Kombinieren von möglichen Preisbewegungsrichtungen in den wesentlichen Anlageklassen, welche derzeit Aktienderivate (Equity Derivatives) und festverzinsliche Derivate (Fixed Income Derivatives) sind.

Zum Beispiel beim Kombinieren von steigenden Aktienkursen und steigenden Fixed Income Preisen (siehe auch Szenario „S11“ in der Abbildung), werden nur die Stressszenarien für das schlechteste Szenario betrachtet, die steigende Aktienkurse annehmen. Das gleiche gilt auch für Fixed Income-Szenarien.

Für andere nicht wesentliche Anlageklassen, wie zum Beispiel Rohstoffe oder Immobilien, werden alle Bewegungsrichtungen für die Bestimmung des schlechtesten Szenarios betrachtet. Das bedeutet, für ein Portfolio könnte es sich um fallende Rohstoffpreise handeln, während es für ein anderes Portfolio ein steigender Rohstoffpreis ist, obwohl beide Portfolien im gleichen globalen Szenario sind. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass ein konservatives Ergebnis für jedes Portfolio realisiert wird.

Marktliquiditätsstress simuliert geringe Marktliquidität unter extremen Marktbedingungen und bewertet potentielle zusätzliche Verluste während der Liquidation. Hierfür wird die Marktliquiditätskomponente der Einschussforderung („Initial Margin“) durch die Annahme von stärkeren negativen Preisbewegungen als innerhalb der Sicherheitenberechnung hinzugezogen. Diese gestresste Margin-Komponente wird als zusätzlicher Stressverlust zu allen historischen und hypothetischen Szenarien gezählt.

Analyse-Szenarien: Neben den oben beschriebenen Szenarien, sind zusätzliche Szenarien verfügbar, die nur für interne Analysezwecke genutzt werden. Diese Szenarien werden hauptsächlich zur Analyse von Mitgliederportfolien für Risikokonstellationen und -effekte genutzt, die über die Dimensionierung des Ausfallfonds hinausgehen.

Wichtige Kennzahlen für Stresstests: Stressszenarien basieren auf Bewegungen von Risikofaktoren und übertragen potentielle Auswirkungen von schwerwiegenden wirtschaftlichen Entwicklungen in monetäre Größen. Dieser Prozess ergibt einen neuen Produktwert, der mit „Stressed Value“ bezeichnet wird und die spezifischen Risikofaktorwerte des Szenarios verwendet. Der Unterschied zwischen dem Stressed Value und dem aktuellen Wert („Current Value“) kann damit definiert werden als „Stress P&L“ eines Produkts unter dem gegebenen Szenario:

Stress P&L = Stressed Value - Current Value

Die verfügbaren Sicherheiten („Margins“) um mögliche zukünftige Verluste abzudecken, können von der Stress P&L abgezogen werden und ergeben letztlich die Stressunter/-überdeckung („Stress Shortage/Surplus“), welche durch zusätzliche finanzielle Mittel abgedeckt werden müssen – insbesondere durch den Ausfallfonds:

Stress Shortage (or Surplus) = Stressed Value + Margin

Durch Ausnutzung der vollständigen Margin-Anforderungen (TMR) zur Ermittlung der Stress Shortage (oder Surplus) Metrik, wird konservativ eine mögliche Rückforderung von bereits geleisteten Sicherheiten unter beanspruchten Marktbedingungen unterstellt. Diese Metrik wird für die Bestimmung der Größe des Ausfallfonds verwendet. Zusätzlich verwendet eine alternative Metrik den tatsächlichen Sicherheitenwert („Collateral Value“), einschließlich etwaiger Übersicherung, anstatt der vollständigen Margin-Anforderungen. Diese Metrik spiegelt die Situation in einem Ausfallszenario wider, bei dem keine Sicherheiten zuvor zurückgefordert werden.

Aggregation / Aufrechnung

Um das potentielle Kreditrisiko von Clearing-Mitgliedern bei extremen aber plausiblen Marktbedingungen abzuschätzen, werden die Risikowerte auf Positionsebene über alle verbundenen Unterportfolien aggregiert. Darüber hinaus werden Stressergebnisse für Unternehmensgruppen für den Ernstfall berechnet. Bei der Aggregation von Stresswerten von Konten, Mitgliedern und Gruppen, werden sowohl globale als auch historische Szenarien berücksichtigt.

Die Risikoaggregation erfasst relevante Aspekte der Segregations-Modelle und des Default Management-Prozesses:

Stresswerte und Stressszenarien werden verrechnet:

  1. innerhalb der Konten („Risk Accounts“) für das Eigengeschäft der Clearing-Mitglieder, unter Berücksichtigung des Grund-Clearingmodells,
  2. über alle Konten innerhalb eines jeden Omnibus Kundenpools, unter Berücksichtigung des Grund-Clearingmodells,
  3. über alle Konten innerhalb jedes Omnibus-Kundenpools, unter Berücksichtigung des Net Omnibus-Clearingmodells,
  4. über alle Konten jedes individuell segregierten Nicht-Clearing-Mitglieds („NCM“) oder Registrierten Kunden („RC“), unter Berücksichtigung des Individual-Clearingmodells und
  5. über alle Konten jedes ISA Direkt Pools, unter Berücksichtigung des Basis-Clearingmodells.
  • Für Brutto Omnibus-segregierte Konten (GOSA) werden Differenzansprüche für alle NCM, RC oder Einzel-Kunden in einem A-Konto berechnet. Stress-Verluste werden daher nicht innerhalb des Sicherheitenpools verrechnet, zu dem der jeweilige Kunde gehört.
  • Zur Einhaltung der Segregation von Kundensicherheiten und -positionen, werden Stressüberschüsse von Kundenpools nicht mit Stressunterdeckungen von anderen Pools des Clearing-Mitglieds verrechnet. Im Gegensatz dazu kann ein Überschuss, aus Eigengeschäften eines Clearing-Mitglieds, dazu verwendet werden, die Stressunterdeckungen in seinem Firmenkundengeschäft zu verringern.
  • Stressszenarien, die auf Ebene der Unternehmensgruppe angewendet werden, setzen voraus, dass alle Clearing-Mitglieder innerhalb der gleichen Gruppe dem gleichen Szenario unterliegen. Dies wiederum bedeutet, dass das schlechteste Gruppenszenario nicht notwendigerweise das schlechteste Szenario für jedes individuelle Clearing-Mitglied in der Gruppe ist. Außerdem können Stressüberschüsse auf Clearing-Mitglied-Ebene nicht zum Ausgleich von Stressunterdeckungen eines anderen Clearing-Mitglieds innerhalb der Unternehmensgruppe unter dem gleichen Szenario genutzt werden.

Stressunter-/überdeckungswerte sind verfügbar für alle Stressszenarien pro Clearing-Mitglied und Unternehmensgruppe. Für jede Gruppe kann das schlechteste Szenario als das Szenario mit der größten Stressunterdeckung bestimmt werden. Dieses Ergebnis ist das erwartete Kreditrisiko einer Gruppe und wird bei der Berechnung der Größe des Ausfallfonds berücksichtigt.